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Nürnberg Vorreiter der Sportentwicklung

„Vereine an sich bleiben stabile Konstrukte“

Das Thema der 10. Sportdialoge am 19. November im Nürnberger Historischen Rathaussaal dürfte wohl eines der vorausschauendsten der letzten Jahre gewesen sein. So bekamen die rund 70 Vereinsvertreter, vor allem durch das Impulsreferat von Dr. Daniel Illmer (DOSB Führungsakademie), einen spannenden Vorausblick und eine realistische Einschätzung des Themas der Veranstaltung „Die Zukunft der Sportvereine“.

SportServce-Leiter Jürgen Thielemann begrüßte neben den Vereinsvertretern auch Vertreter des Stadtrats, den BLSV-Kreisvorstand und Sportbürgermeister Dr. Klemens Gsell, der in seiner Eröffnungsrede die Veränderung der Sportlandschaft kurz ansprach. Gesellschaftliche Veränderungen, zunehmende Heterogenität der Bevölkerung, Überalterung und andere Entwicklungen erfordert Anpassung in den Vereinen. Dabei sollten innovative Projekte weiter gefördert werden, gute Vorbilder aus anderen Bereichen mit übernommen werden. Durch die Geschwindigkeit der Entwicklung rückt Controlling immer mehr in den Mittelpunkt.

Das Stichwort für das erste Referat war damit gegeben. Die Vereinskennzahlen, die beim SportService von den Vereinen einmal jährlich eingehen, ergeben nach Auswertung ein interessantes Bild der Sportentwicklung in Nürnberg. Ursprünglich und vor allem als frühzeitiges Warnsignal für existenzgefährdete Vereine gedacht, geben sie zusätzlich Einblick in das Wachstum unserer Nürnberger Sportvereine, in deren Entwicklung und Veränderung. Sören Wallrodt von der Hochschule Koblenz konfrontierte die Zuhörer mit den Zahlen und Fakten im Nürnberger Vereinssport. Zwischenzeitlich geben 170 Vereine den Erfassungsbogen ab, 78 davon regelmäßig jedes Jahr. Nur aus diesen regelmäßigen Daten können letztlich sichtbare Entwicklungen abgeleitet werden.

In Nürnberg gibt es somit sowohl einen Verein mit 10 % Verlust an Mitgliedern, wie auch einen mit 50% Zuwachs. Viele der erfassten Vereine stehen mit 50 % mehr Einnahmen als Ausgaben sehr gut da. Da der Rest nicht regelmäßig erfasst wird, kann man daraus aber keine allgemein gültige Aussage ableiten. Insgesamt ist aber eine leichte Abnahme der Mitglieder festzustellen. Die Einnahmen der Vereine hingegen sind gestiegen (um ca. 1 Million). Die gestiegenen Einnahmen sind jedoch nicht durch gestiegene Beiträge (die blieben relativ stabil) zu begründen, sondern eher durch vermehrte Zuschüsse und auch Einnahmen aus Kursen. Die steigenden Einnahmen fließen dann aber wieder in steigende Ausgaben ein.

Jeder Verein kann letztlich sein individuelles Datenblatt beim SportService anfordern und für sich selbst nutzen. So kann er daraus auch ersehen, an welcher Stelle das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht passt. Der SportService hilft beim Ausfüllen des Formblattes. Es werden acht Kennzahlen (z.B.Wachstumsrate Mitglieder, relativer Mitgliedsbeitrag, Schulden pro Mitglied u.a.) erfasst, die auf die Einschätzung der finanziellen Situation zielen. Weitere Kennzahlen aus nicht-finanziellen Bereichen werden nicht erstellt, können aber unter www.vereinskennzahlen.de für den eigenen Verein erstellt werden. Vereinskennzahlen sind damit das klassische Element, Vergangenheit auszuwerten und damit Zukunft zu gestalten.

Nürnberg ist bei der Erfassung der Daten bundesweit Vorreiter. Keine Stadt ermittelt so detailliert den Istzustand ihrer Sportvereine. Aus dem Publikum kommt der Vorschlag, die Sachkonten des Haushalts im Verein den Posten des Datenblattes anzugleichen. Damit ist die Erfassung schneller zu bearbeiten. Aus den Ergebnissen wird man künftig auch sehen können, was Vereine mit guten Ergebnissen besser machen, als Vereine denen es schlechter geht. Im direkten Vergleich stehen immer nur Vereine mit ähnlicher Größe.

Im Anschluß gab das Impulsreferat von Dr. Daniel Illmer zur Zukunft der Sportvereine interessante und ehrliche Einblicke in das, was Sportvereine in naher Zukunft erwarten wird. Er unterstrich die Erfassung von Kennzahlen, um Zukunft im Verein gestalten zu können. Nach seiner Abfrage im Publikum, schauen dabei nur 10 der rund 70-80 anwesenden Vereinsvertreter „zufrieden“ und ohne Probleme nach vorne, wobei man „Zukunft“ an sich hier kaum definieren kann., weil sie individuell verschieden zu sehen ist. Die aktuell bewegende Frage sieht er darin, wie man den Individualsportler in den Verein bringt. So nehme die Zahl an Läufen (Stadtlauf, Marathon u.v.m) zu, während die Mitglieder in Vereinen gerade in der Leichtathletik abnehmen. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Sportarten. Individualität entkoppelt sich vom Verein. Zusätzlich gibt es inzwischen immer mehr Online-Sportangebote. So kommt das Sportangebot ins Haus. Zusätzlich zeigt eine Studie, dass es immer mehr vereinsähnliche Gruppen mit Sport gibt, die in den Sportverbänden nicht erfasst sind (Volkshochschule, Bürgerverein etc.).

Der zusätzliche Trend zur „Kommunikation in Echtzeit“, mit immer weniger Pausen und enormer Zeitverdichtung, kollektiven Zeitverschiebungen, der Auflösung von Zeitgrenzen, bringt neue Herausforderungen. Dadurch wird die Organisation von Sportangeboten immer schwieriger. Dr. Illmer prognostizierte damit die Abnahme des ehrenamtlichen Engagements und steigende Bürokratie in den Vereinen. Er empfiehlt deshalb dringend, Verwaltungsgemeinschaften zu bilden und Zukunft geplant anzugehen. Dabei sollte zunächst auch die Entscheidung zu mehr Quantität oder Qualität stehen. Die Konstruktion von Zielen sieht er als weiteren wichtigen Faktor. Er empfiehlt den Zuhörern mehr Möglichkeiten und Anlässe zu interner Kommunikation zu schaffen (z.B. Klausuren).

Beruhigend letztlich die These von Dr. Illmer, dass Vereine sicher weiter existieren werden. Sie werden sich aber laufend anpassen müssen. Die Tendenz geht auch wieder in Richtung Kleinstvereine. Auch Schulvereine werden entstehen. Als Fazit sieht er die Verabschiedung des „allwissenden Vorsitzenden“. Vereine werden mit Zielen und Visionen an sich „stabile Konstrukte“ bleiben. Vereine, die wachsen wollen, brauchen vor allen Dingen eigene Sportstätten.

Die Ehrung der „Projektförderung“ des SportService Nürnberg, unterstützt u.a. von der Sparkasse Nürnberg, ergab als Sieger die Basketballabteilung des Post-SV Nürnberg für das Projekt „Mädels go Basketball“. Hier gingen 2000 Euro an die Vereinsvertreter. Den zweiten Platz belegt der TSC Rot-Gold Casino mit einer Hausaufgabenbetreuung für Sportler (1500 Euro). Den dritten Platz mit 1000 Euro Projektförderung erhielt der Yachtclub Noris für seine Optiliga Franken.

Auch die Pause zwischen den Vorträgen mit „Lifekinetik“ und damit Gehirntraining durch Bewegung, zeigte die Zukunft der Sportentwicklung. Am Nachmittag ging es in die vier Workshops, die einzelne Themen, wie Sponsoring, Ehrenamt, Controlling und Sportförderung weiter vertieften. Nach dem Austausch am kalten Buffet gingen viele Teilnehmer nach diesem Dialog der Vereine mit dem SportService, mit einem besseren Gefühl für die Zukunft nach Hause.

Uschi Friedmann
BLSV Kreis Nürnberg

Bildergalerie

SportService-Leiter Jürgen Thielemann eröffnet die Sportdialoge (Foto Fengler)
Sportbürgermeister Dr. Klemens Gsell bei seinem Grußwort (Foto Fengler)
Sören Wallrodt von der Hochschule in Koblenz (Foto Fengler)
Rege Diskussion über das Thema Kennzahlen (Foto Fengler)
Dr. Daniel Illmer von der DOSB-Führungsakademie beim Impulsreferat (Foto Fengler)
Michael Voss von BSJ bei seinem Diskussionsbeitrag (Foto Fengler)
Viactiv Bewegungspause (hier Ahmed Nasser und Jürgen Thielemann) (Foto Fengler)
Gruppenbild mit den Preisträgern der Projektförderung 2016 (Foto Fengler)