Will sich mit den besten Athleten der Welt messen: Weitspringer Markus Rehm.

21. September 2017

Ich möchte keinen Vorteil haben!“

„(K)ein Vorteil durch Prothese?!“ So lautete der Titel einer Podiumsdiskussion mit Paralympics-Sieger Markus Rehm. Der Weitspringer diskutierte mit Friedhelm Julius Beucher, dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), sowie dem Biomechanik-Professor Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule Köln und dem Ethik-Professor Michael McNamee von der Swansea University. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Silke Beickert, Fernseh-Journalistin bei Radio Berlin Brandenburg, rbb.

Die Podiumsdiskussion stellte einen der Höhepunkte des diesjährigen Hochschultages der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS) dar. Vom 13. bis 15. September präsentierten und diskutierten an der Technischen Universität München rund 500 Wissenschaftler aus diversen Sektionen der Sportwissenschaft aktuelle Forschungsergebnisse unter dem Leitmotiv „Innovation & Technologie im Sport“.

„Wir haben leider keine absolute Klarheit, ob die Prothese wirklich ein Vorteil ist“, sagte Markus Rehm, der bei der diesjährigen Leichtathletik-Meisterschaft außer Konkurrenz mitspringen durfte und mit 8,19 Meter die größte Weite erzielen konnte. Sein Bestwert beträgt sogar 8,40 Meter. Doch sind solche Weiten auf Rehms Leistungsvermögen zurückzuführen – oder bringt die Prothese einen entscheidenden und unfairen Vorteil?

„Unsere Studien zeigen, dass für Athleten mit Prothesen beim Anlauf ein Nachteil besteht, weil diese Sportler nur eine geringere Geschwindigkeit aufbauen können. Beim Absprung allerdings konnten wir mit unseren Studien einen Vorteil nachweisen, denn die Prothese gibt mehr Energie zurück, als ein gesundes Bein“, erklärte Biomechanik-Professor Potthast. Beide Aspekte könnten jedoch nicht direkt gegeneinander aufgerechnet werden, so Potthast weiter.

Sollten also Athleten mit und ohne Prothese in Wettbewerben gegeneinander antreten? „Wir brauchen einen rationalen wissenschaftlichen Dialog und mehr Transparenz – und zwar auch bei den Sportverbänden“, forderte Ethik-Professor McNamee. Das sieht der Präsident des DBS ähnlich. Beucher plädiert allerdings nicht für eine „Zusammenlegung“ der Wettbewerbe, beispielsweise der Olympischen und Paralympischen Spiele. Stattdessen wünscht er sich eine „Zusammenführung“ einzelner Wettbewerbe im Sinne der Inklusion.

„Die paralympischen Athleten wollen keine Vorteile – aber sie wollen zeigen, zu welchen Ausnahmeleistungen sie im Spitzensport fähig sind.“ Beucher kritisierte, dass „viele Verbände und auch das IOC keine Athletinnen und Athleten mit Behinderung wollen. Die haben Angst!“ Der DBS-Präsident ergänzte: „In meinen Kopf will nicht hinein, dass das Fehlen eines Beines ein Vorteil sein soll.“

Rehm hat erlebt, dass ihm jahrelang auf die Schulter geklopft worden ist. „Aber als ich über acht Meter gesprungen bin, hat sich das verändert.“ Die gesamte Diskussion um ihn und das Thema empfindet der Weitspringer als zu einseitig. „Ich möchte grundsätzlich zu bedenken geben, dass es nicht so einfach ist, mit einer Prothese überhaupt zu gehen oder sogar anzulaufen und abzuspringen.“ Sein Ziel sei, sich mit den mit den besten Athleten der Welt zu messen. „Aber ich möchte keinen Vorteil haben.“

Gefördert wurde der Sportwissenschaftliche Hochschultag durch die Allianz. Das Versicherungsunternehmen ist zugleich einer der Sponsoren von Markus Rehm sowie des Deutschen Behindertensportverbandes und setzt sich bereits seit 2006 für die Förderung des paralympischen Sports ein.

Fabian Kautz/Conan Furlong

 

 

An der Podiumsdiskussion beteiligten sich (von links) Professor Michael McNamee, Markus Rehm, Moderatorin Silke Beickert, Professor Wolfgang Potthast und Friedhelm Julius Beucher. Fotos: Astrid Eckert/TUM