03. Oktober 2012

Die Bertolt-Brecht-Schule ist Eliteschule des Sports: Erleichterung und Kampfgeist in Nürnberg

Die Bertolt-Brecht-Schule darf auf Präsidiumsbeschluss des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für einen Zeitraum von zwei Jahren das Prädikat Eliteschule des Sports führen. Danach wird ein Evaluationsverfahren des DOSB zeigen, ob sich im Bereich des Nachwuchsleistungssports die eingeforderten positiven Veränderungen, etwa die Erhöhung des Anteils an Bundeskaderathleten im Sportzweig und die Steigerung der Anzahl der von den Athleten bei internationalen Großereignissen gewonnenen Titel, ergeben haben.

Anlässlich der Eliteschulen-Lizenzierung führte der BLSV Gespräche mit Dr. Harald Schmidt (Schulleiter der Bertolt-Brecht-Schule Nürnberg) und Dr. Klemens Gsell (Schulbürgermeister der Stadt Nürnberg).

 

Interview mit Dr. Harald Schmidt, Schulleiter der Bertolt-Brecht-Schule

Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan hat gezeigt, dass das Verbundsystem funktioniert: BLSV-Vizepräsident Jörg Ammon (links) und Schulleiter Dr. Harald Schmidt sind sich sicher, dass ihm noch viele Sporttalente folgen und die Bertolt-Brecht-Schule als Sprungbrett in eine erfolgreiche Spitzensportkarriere nutzen werden.

BLSV*: Herr Dr. Schmidt, die Bertolt-Brecht-Schule erhielt nun offiziell die Lizenzierung als Eliteschule des Sports. Wie fühlen Sie sich?

Dr. Harald Schmidt: Nach dieser langen Vorlaufzeit herrscht neben der Freude, dass das Verbundsystem zum Erfolg gekommen ist, auch Erleichterung. Schließlich war es eine Hängepartie über mehrere Jahre, wir wussten nie, ob und wann die Entscheidung kommt. Angesichts des sprichwörtlichen „In-der-Luft-Hängens“ war es teilweise schwierig, die Motivation bei allen Beteiligten hoch zu halten. Für uns als Eliteschule und unsere Partner ist die befristete Ernennung auch eine Verpflichtung, in den nächsten beiden Jahren sehr gut zu arbeiten. Eine Überführung in eine nachhaltige Eliteschulen-Phase ist richtungsweisend für die zukünftige Entwicklung des Nachwuchsleistungssports in Nordbayern.

 

BLSV: Macht die Ernennung nicht auch ein bisschen stolz?

Dr. Harald Schmidt: Stolz ist nicht der richtige Ausdruck. Es ist eine Leistung vieler Partner, auch außerhalb des Sports, beispielsweise haben die Stadt Nürnberg und die gesamte Schulfamilie an diesem Vorhaben mitgewirkt. Die aktuelle Entscheidung des DOSB ist für uns und unsere Verbundpartner eine Verpflichtung. Es gilt nun, Impulse zu setzen und Sporttalente nach Nordbayern zu ziehen. Wir hoffen hier auch auf die weitere Unterstützung des BLSV. Dieser hat uns auf dem bisherigen, langen Weg begleitet und in der letzten Phase der Bewerbung vornehmlich über seinen Präsidenten Günther Lommer und seinen für Leistungssport zuständigen Vize-Präsidenten Karl Rauh wertvolle Lobbyarbeit geleistet.

 

BLSV: Die Bertolt-Brecht-Schule vereint Hauptschule, Realschule und Gymnasium unter einem Dach. Wie wichtig ist es, das dreigliedrige Schulsystem an einer Eliteschule anbieten zu können?

Dr. Harald Schmidt: Das ist sehr bedeutend. Jeder, der mit Nachwuchsleistungssport zu tun hat, weiß, wie unendlich wichtig sportliches und soziales Umfeld für die Athleten sind. Unsere Schule befindet sich in der exklusiven Lage, auch Kindern und Jugendlichen, die aus der Förderung herausfallen, den Verbleib an der Schule zu ermöglichen. Auch sozialverträgliche Übergänge zwischen den verschiedenen Schulformen können hier realisiert werden. Dadurch eröffnen wir Perspektiven für erfolgreiche Lebensläufe sowohl im sportlichen als auch im nicht-sportlichen Bereich. Die idealen Startvoraussetzungen, die wir unseren Schülern offerieren, wurden auch seitens des DOSB gewürdigt. Im Rahmen des Zulassungsverfahrens erhielten wir bei den pädagogischen Kriterien überall die Höchstpunktzahl. Erfreulich ist, dass wir als Eliteschule des Sports unseren Sportschülern auf dem Weg zum Abitur nun die variable Qualifizierungsphase anbieten können. Damit fällt ein wesentlicher Standortnachteil weg. In der Vergangenheit haben wir regelmäßig Schüler verloren, weil es bei uns nicht die Möglichkeit gab, das Abitur erst nach drei Jahren abzulegen.

 

BLSV: Wie ist der Standort Nürnberg im nordbayerischen Leistungssport verankert? Wie sieht es mit dem Zustrom von Sporttalenten aus diesem Bereich aus?

Dr. Harald Schmidt: Es könnte besser sein, um es ganz klar anzusprechen. Gerade aus Nordfranken erhalten wir sehr wenig Zuspruch. Eine Pressekampagne, die wir dort vor zwei Jahren durchgeführt haben, blieb leider ohne Wirkung. Dabei bin ich mir sicher, dass um die Sportstadt Bayreuth, im Fichtelgebirgsraum und Richtung Thüringen viele Sporttalente schlummern, die an Leistungssport und damit auch an unsere Schule herangeführt werden müssten. Leider haben erst einige wenige Verbände die Chance, die die Bertolt-Brecht-Schule bietet, erkannt. Wir sind keine Schule zum Selbstzweck. Wir bieten dem Sport etwas an. Gemeinsam mit den Verbänden und unseren weiteren Verbundpartnern können wir Sporttalenten ein Vordringen in die sportliche Spitze und einen vernünftigen Schulabschluss ermöglichen. Diejenigen Fachverbände, die mit uns kooperieren, haben Erfolg. Wie gesagt, leider haben bisher zu wenige Verbände das Potential erkannt.

 

BLSV: Die verstärkte Zusammenarbeit mit Fachverbänden ist also ein Punkt, der zukünftig optimiert werden sollte. Haben Sie weitere Wünsche für die Zukunft des Nachwuchsleistungssports in Nordbayern?

Dr. Harald Schmidt: Neben der verbesserten Kooperation wünsche ich mir eine Stabilisation der bisher eingerichteten Bundesstützpunkte, nach Möglichkeit die Einrichtung neuer Stützpunkte, etwa für die Sportarten Mountainbike und Hockey.

Dann habe ich noch zwei große Wünsche. Aktuell ist die Finanzierungsfrage unseres Sportinternates immer noch problematisch. Wir haben mit dem Zentrum Sankt Paul – Haus der Athleten ein qualitativ hochwertiges Internat, um das uns viele beneiden, in direkter Nähe. Zukünftig müssen Mittel und Wege gefunden werden, dass die finanzielle Belastung der Eltern ähnlich wie an anderen Eliteschulen, auf ein vernünftiges Maß gesenkt werden kann. Sonst haben wir hier einen massiven Standortnachteil zu beklagen. Mein zweiter Wunsch richtet sich an die Stadt Nürnberg. Unser Schulgebäude weist große bauliche Mängel auf, fällt sozusagen auseinander. Wir müssen die Infrastruktur, den avisierten Neubau von Schule und Sportstätten, zeitnah voranbringen. Angesichts der Tatsache, dass wir im Zuge der DOSB-Evaluation bei den Sportstätten an einigen Punkten gerade noch den Schwellenwert erreicht haben, sollte an den ursprünglichen Planungen festgehalten werden und die Fertigstellung bis 2019 realisiert sein. Dies kann auch im Hinblick auf unser nächstes sportliches Ziel, nämlich die Ernennung zur Eliteschule des Mädchenfußballs, nur positiv sein.

 

* Das Gespräch wurde von Jörg Ammon (Vorsitzender BLSV-Sportbezirk Mittelfranken) geführt.

 

Interview mit Dr. Klemens Gsell, Schulbürgermeister der Stadt Nürnberg

Dr. Klemens Gsell, Schulbürgermeister der Stadt Nürnberg, will die Voraussetzungen schaffen, um Sporttalente dauerhaft in der Frankenmetropole zu halten.

BLSV*: Herr Dr. Gsell, wie und von wem haben Sie erfahren, dass die Bertolt-Brecht-Schule nun offiziell Eliteschule des Sports ist?

Dr. Klemens Gsell: Das habe ich direkt am Tag der Entscheidung, dem 18. September, erfahren. Wenige Stunden nach der Bekanntgabe im Rahmen der Präsidiumssitzung des Deutschen Olympischen Sportbundes habe ich direkt von der Bertolt-Brecht-Schule eine E-Mail und ein Fax erhalten.

 

BLSV: Wie sah Ihre persönliche Reaktion auf die Ernennung aus?

Dr. Klemens Gsell: Ich habe mir gedacht: „Gott sei Dank!“. Der Münchner hätte gejubelt, der Franke sagt „passt schon“. Spaß beiseite, das ist eine ganz tolle Geschichte und die Schule hat es sich wirklich hart erarbeitet. Die Schule zeigt schon einen ganz besonderen Einsatz. Von den Sporttalenten selbst weiß ich, dass diese intensiv begleitet und unterstützt werden. Beispielsweise werden die Themen, die im Unterricht behandelt wurden, in Lerneinheiten zusammengefasst und per E-Mail an die Schüler weitergeleitet, wenn diese bei nationalen oder internationalen Wettkämpfen sind oder an Lehrgängen teilnehmen. Erklärungen erfolgen dann auch über neue Medien, etwa Facebook. Das ist keine reine Joberfüllung, das ist schon großes Engagement, das die Lehrer hier zeigen. Und wie gesagt, ich habe die Infos von den Schülern selbst, ich betreibe hier also keine Publicity für die Schule.

 

BLSV: Der Eliteschulen-Status wurde zunächst für einen Zeitraum von zwei Jahren zuerkannt. Wie bewerten Sie diese Einschränkung?

Dr. Klemens Gsell: Ich habe dafür Verständnis. Wir müssen uns nun eben im Alltag beweisen und den DOSB davon überzeugen, dass wir seine Vorgaben einhalten können. Aktuell verfügen wir bereits über engagierte Lehrer, gute Trainer und saubere Sportstätten. In den nächsten sechs bis sieben Jahren werden wir den Neubau eines Schulkomplexes mit neun Turnhallen sowie eines Hallenbades mit einer 50-Meter-Bahn realisieren. Das sind klare Zeichen in Richtung DOSB.

 

BLSV: Gerade sprachen Sie die sauberen Sportstätten an. Unseren Informationen zufolge wurde seitens des DOSB das pädagogische Konzept der Bertolt-Brecht-Schule hoch gelobt, bei den Sportstätten wurde teilweise der Schwellenwert nur knapp überschritten.

Dr. Klemens Gsell: Bei den Außenanlagen gibt es meines Wissens keine Probleme. Die 400-Meter-Bahn und sämtliche Leichtathletik-Anlagen sind anlässlich der Deutschen Meisterschaften, die wir 2008 ausgerichtet haben, auf internationalen Standard gebracht worden. Auch die externen Sportanlagen, etwa das Dojo des TSV Altenfurt oder die Anlage des 1. FC Nürnberg, sind in hervorragendem Zustand. Problematisch ist sicherlich die Anzahl der Sporthallen, die uns zur Verfügung stehen. Und natürlich das Fehlen eines Hallenbades mit 50-Meter-Bahn. Mit dem bereits angesprochenen Neubau des Schulkomplexes werden wir hier deutliche Verbesserungen erreichen.

 

BLSV: Gibt es weitere Bereiche, die hinsichtlich einer Optimierung der Förderung des Nachwuchsleistungssports in Nordbayern wünschenswert wären?

Dr. Klemens Gsell: Ein großer Wunsch ist die Verringerung der finanziellen Belastung der Eltern bei der Unterbringung von Sporttalenten im Zentrum Sankt Paul – Haus der Athleten. In vielen Bundesländern und in Berlin werden die Sportinternate teilweise erheblich subventioniert. Bei uns ist noch nicht sicher, ob nach der Ernennung zur Eliteschule des Sports über das Bundesministerium des Inneren (BMI) entsprechende Fördergelder fließen, da wir meines Wissens als weitere Bedingung zunächst zusätzliche Bundestützpunkte in Nürnberg etablieren müssen. Sollte eine Förderung seitens des BMI kommen, wird diese wahrscheinlich nicht ausreichen. Es sollten zusätzlich Gelder aus der Landeskasse zur Verfügung gestellt werden. Schließlich geht es hier nicht um Millionen. Wenn wir 30 Internatsplätze mit 500 Euro monatlich berechnen, dann landen wir im niedrigen sechsstelligen Bereich. Das sollte machbar sein und wir könnten damit noch viel mehr Sporttalente in den Genuss unseres umfassenden Betreuungsangebotes kommen lassen. Eine optimierte Finanzsituation bei der Internatsunterbringung würde auch dazu führen, dass wir nicht mehr so viele Sporttalente an andere Bundesländer verlieren. Was die Pädagogik und den Bereich des sommerolympischen Sports betrifft, können wir durchaus mit den anderen Eliteschul-Standorten mithalten.

 

BLSV: Da Sie gerade die Themen Pädagogik und Sport angesprochen haben: Leben und lernen Sportschüler und Regelschüler an der Bertolt-Brecht-Schule nebeneinander oder miteinander?

Dr. Klemens Gsell: Es ist ein Miteinander. Ich hoffe, dass sich dies auch weiterhin so positiv entwickelt, denn dies ist für mich eines der Geheimnisse unserer Schule. Die Sportschüler tragen ihre Nase nicht hoch und werden von den Regelschülern nicht ausgegrenzt. Und wenn es darum geht, „positiven Mist“ zu machen, sind alle dabei. Wir möchten auch keinen Starrummel. Als Ilkay Gündogan sein Abitur bei uns ablegte und parallel beim 1. FCN zum Stammspieler wurde und großes Medieninteresse auf sich zog, wurde versucht, ihm im Schulalltag möglichst viel Ruhe zu geben. Manchmal mussten die Mitschüler davon abgehalten werden, zu viele Autogramme einzufordern, aber das hat prima geklappt. Schließlich war auch er nur einer von ihnen, ein Schüler der Bertolt-Brecht-Schule.

 

BLSV: Abschließend interessiert es mich nun noch, wie Sie im Rahmen des Bewerbungsverfahrens um den Titel Eliteschule des Sports die Zusammenarbeit mit dem BLSV erlebt haben.

Dr. Klemens Gsell: Mit dem BLSV habe ich selbst nur an den sogenannten Spitzengesprächen teilgenommen. Ich hatte viel Kontakt mit Jörg Ammon, dem Vizepräsidenten, der hier in Mittelfranken ja auch dem Sportbezirk vorsteht. Die Absprachen waren immer sehr professionell. Von der Arbeitsebene wurde mir ebenfalls nur positives Feedback gegeben. Informationen flossen schnell und zuverlässig, Kontakte wurden geknüpft und als es darauf ankam, im Bewerbungsverfahren Flagge zu zeigen, wurde auch dies getan. Der BLSV war und ist für uns ein verlässlicher Partner. Er wird uns bestimmt dabei unterstützen, den sommerolympischen Sport in Nordbayern weiter voranzubringen.

 

* Das Gespräch wurde von Dr. Natalie Schwägerl geführt.